Über den generellen Nutzen von Vitaminpräparaten wird in Expertenkreisen schon lange gestritten. Viele halten diese Mittel jedoch für überflüssig und raten zu ausgewogener, frischer Kost.  Dem stehen allerdings die täglichen Ernährungsgewohnheiten von Schülern, Berufstätigen und Senioren gegenüber. Recht beliebt sind beispielsweise süße Backwaren, Power-Riegel, Fastfood und industriell bearbeitete Fertigprodukte für die Mikrowelle oder den Backofen.

Allerdings, auch das ist in der Wissenschaft seit langem anerkannt, nimmt das Vitamin D als einzige Substanz in dieser Stoffgruppe eine besondere Rolle ein. Denn unser Körper kann es mühelos in der Haut mithilfe der Sonne selbst herstellen. Genau hier liegt aber auch das Problem, da vom Spätherbst bis zum Frühlingsbeginn die Kraft der Sonne in Ländern wie der Schweiz dafür nicht ausreicht. Diese Bewertung teilt auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Nachfolgend beschreiben wir die wesentlichen Wirkungen von Vitamin D und geben Entscheidungshilfe zur präventiven Verwendung dieses Sonnenvitamins.

 

Hauptaufgaben und Sonderrolle von Vitamin D

Vitamine gelten als unverzichtbare Bausteine des Lebens. Nur durch sie können bestimmte Stoffwechselvorgänge im Organismus ablaufen. Besteht ein Mangel, kommt es zu teils ernsten Störungen von Organen und des Immunsystems. Bereits vom ersten Lebenstag an trägt das auch Sonnen- oder Lichtvitamin genannte Vitamin D entscheidend dazu bei, wie wir uns rein äußerlich und gesundheitlich entwickeln.

Die Hauptaufgaben

Das D-Vitamin unterstützt und prägt insbesondere diese drei Bereiche:

  • Die Ausbildung und den Erhalt einer gleichmäßig ausgeformten Skelettstruktur mit stabilen Knochen und einem gesundem Gebiss
  • Den Aufbau einer funktionsfähigen, kräftigen Muskulatur für den gesamten Bewegungsapparat bis ins Alter
  • Die Bereitstellung eines abwehrstarken Immunsystems gegenüber eindringenden Bakterien, Viren und sonstigen Krankheitserregern

 

Die Sonderrolle von Vitamin D — ein ideales Konzept der Natur

Bei einer abwechslungsreichen pflanzlichen und tierischen Kost ist der Mensch mit allen benötigten Vitaminen und Nährstoffen ausreichend versorgt. Lediglich das Vitamin D bildet eine Ausnahme. Da hier die Nahrung den Bedarf nur zu einem kleinen Teil  deckt, hat die Natur selbst einen Weg gefunden, um die benötigte Hauptmenge herzustellen. Dazu nutzt sie die Haut und das UVB-Licht der Sonne.

Nur den Faktor Mensch hat sie nicht einkalkuliert, der sich inzwischen als echte „Produktionsbremse“ erweist. Zumindest bis zum Beginn des Industriezeitalters mit sonnenarmen Fabriken und Büros war die Eigenproduktion des Lichtvitamins auch kein Problem, denn das Leben mit der Natur war über Jahrtausende hinweg die Regel. Der moderne Lebensstil hat diese Verbindung jedoch weitgehend gekappt und uns obendrein noch Corona und das Homeoffice und beschert.

 

Der aktuelle Hype um Vitamin D

So ganz plötzlich kam er nicht, dieser Hype. Coronabedingt bildet er lediglich den derzeitigen Diskussionsschwerpunkt einer langjährigen Bewertungsphase der gesundheitlichen Wirkungen des Sonnenvitamins, die schon vor circa 20 Jahren begann. Im Wesentlichen sind es drei Themenbereiche, die seither intensiv bearbeitet wurden und die heutige Sicht auf dieses Vitamin prägen:

  1. Ernährung und Lebensstil

Anfangs ging es den schweizerischen und internationalen Fachkreisen darum, wie die sich allmählich verändernden Lebens- und Ernährungsgewohnheiten generell auf die Vitamin-D-Blutspiegel auswirken. Das klingt zwar einfach, ist aber sehr aufwendig, weil dazu  große Bevölkerungsgruppen und mehrjährige Studien erforderlich sind.

Bei Studienbeginn waren die Expertengruppen noch überzeugt, dass die Sonne alles richtet und den Körper ergänzend zur Ernährung ausreichend mit Vitamin D versorgt. Die Ergebnisse waren jedoch mehr als ernüchternd und lösten den ersten Diskussionshype um das D-Vitamin aus. Denn sowohl in der Schweiz als auch in anderen Ländern zeigte sich, dass mehr als die Hälfte  der Bevölkerung einen deutlichen Vitamin-D-Mangel aufweist.

Parallel alarmierte alle Fachleute, dass unser heutiger Lebensstil der Sommersonne nur noch begrenzt Chancen bietet, das D-Vitamin in ausreichender Menge zu produzieren. Beides veranlasste 2012 die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE), den Tagesbedarf an Vitamin D für alle Altersgruppen 2012 umfangreich neu zu bewerten.

  1. Vitamin D als Vorsorge gegen Alzheimer, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Die Wissenschaft ist seit Jahren äußerst aktiv, wenn es um die Prävention von chronischen Erkrankungen geht. Bezüglich Vitamin D waren die Alzheimer-Krankheit, Tumorleiden und diverse Herz-Kreislauf-Störungen wichtige Beispiele.

Stets ging es darum, ob gute Vitamin-D-Blutspiegel diese Krankheitsbilder bremsen oder verhindern können. Selbst umfangreiche Studien an einigen Zehntausend Personen zeigten bisher allerdings nicht die erhofften Besserungen.

  1. Das Lichtvitamin und die körpereigene Abwehr

Natürlich hat auch der jetzige Vitamin-D-Hype ernste wissenschaftliche Hintergründe. Für die Corona-Pandemie ist der Grundgedanke, dass ein optimal abwehrbereites Immunsystem Corona-Viren besser bekämpft als ein schwacher Immunapparat, zumal günstige Vitamin-D-Effekte bei Atemwegsentzündungen und Grippesymptomen bekannt sind.

Anschauliche Kenntnisse zu den biologischen Immunabläufen im Körper trugen 2013, also noch deutlich vor Corona, dänische Zellforscher bei. Sie bestätigten frühere Vermutungen, dass dieses Vitamin die Eigenproduktion von Killer-  oder Fresszellen anregt, die eindringende Krankheitserreger abwehren.

Auf diese und weitere Erkenntnisse gestützt, haben Ärzte der Universitäten in Angers (Frankreich) und Córdoba (Spanien) in Pilotstudien versucht, Corona-Infizierte durch Vitamin-D-Gaben bei deren körpereigenen Abwehr zu unterstützen. Die Ergebnisse waren recht ermutigend, sind aber wegen der geringen Fallzahl derzeit nicht ausreichend aussagefähig. Für eine verlässliche Antwort sind weiterführende Studien geplant.

Damit gibt es aktuell noch keine zweifelsfreien Erkenntnisse, dass Vitamin D vor schweren Corona-Verläufen schützt. Ähnlich äußert sich die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung,  die dem Lichtvitamin bisher keine tragende Rolle in der Corona-Bekämpfung einräumt.

 

Entscheidungshilfe zur Prävention mit Vitamin D

Allerdings bleibt bei der Gesamtschau auf alle Daten unbestritten, dass das D-Vitamin  die Ausbildung eines starken Immunsystems maßgeblich unterstützt. Entsprechend argumentiert auch Prof. Heike A. Bischoff-Ferrari, eine ausgewiesene Vitamin-D-Expertin und Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich.

Es macht also durchaus Sinn, unter Berücksichtigung der nachfolgend skizzierten SGE-Empfehlungen die im Sonnenvitamin steckenden Chancen präventiv zu nutzen.

 

Vitamin-D-Bedarf — was die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt

Alltagsgerecht verkürzt sind deren Hinweise leicht zu merken:

  • Alle Personen zwischen 3 und 60 Jahren einschließlich Schwangere und Stillende haben einen Tagesbedarf von 15 µg (Mikrogramm) oder 600 IE (Internationale Einheiten).
  • Wer zu dieser Gruppe gehört und sich von Juni bis September regelmäßig im Freien aufhält, benötigt zumindest im Sommer keine Supplemente. Im Winter allerdings ist die ergänzende Bedarfsdeckung empfehlenswert.
  • Ansonsten sind ganzjährig zusätzliche Vitamin-D-Gaben ratsam, beispielsweise als Tropfen oder Tabletten. Dazu im Einzelfall auftauchende Fragen sollten Anwender mit einem Arzt oder Apotheker besprechen. Schwangere und Stillende sollten einen eventuellen Vitamin-D-Zusatzbedarf mit ihrem Arzt klären.
  • Ab 60 Jahren sind ganzjährig 20 µg oder 800 IE täglich angezeigt, da die Eigenproduktion in der Haut mit den Lebensjahren nachlässt. Supplemente sind empfehlenswert, eventuell ergänzend abgestimmt mit dem Arzt.

 

Allgemein wichtige Aspekte zur täglichen Vitamin-D-Bedarfsdeckung

Grundlage bleibt die abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung, basierend auf der Schweizer Lebensmittelpyramide. Allerdings sind nur wenige Lebensmittel wie fettreiche Fische, Eier oder Steinpilze reich an Vitamin D. Daher trägt die tägliche Kost lediglich mit 10 bis 15 Prozent zur Bedarfsdeckung bei.

Den fehlenden großen Rest liefert die Sommersonne. Etwa  15 bis 20 Minuten in der Sonne an 3 bis 4 Tagen wöchentlich mit unbedecktem Gesicht und Händen reichen aus. Die beste Zeit ist zwischen 10 und 15 Uhr. Im Winterhalbjahr ist das Sonnenlicht aber zu schwach, um die Vitamin-D-Produktion in Gang zu setzen.

Die kurzen Sonnenbäder sollten stets ohne Sonnenschutzmittel oder Gesichtspflegeprodukte mit Lichtschutz erfolgen, denn schon ein Faktor 15 stoppt die Eigenproduktion vollständig. Wie Hautärzte betonen, sind diese wenigen Minuten für die Haut unschädlich. Gleich danach ist natürlich ein Sonnenschutz wieder angesagt.

Längere Lichtduschen als maximal eine halbe Stunde bringt übrigens nichts, da der Körper nach dieser Zeit seine Tagesproduktion einstellt. Denn er schafft es in dieser kurzen Spanne, seinen Tagesbedarf zu decken und zusätzlich eine Reserve abzuspeichern. Am Folgetag ist er dann wieder produktionsbereit.

Ab welcher Dosierung wird Vitamin D bedenklich?

Der Sicherheitsbereich ist von Natur aus sehr groß, denn der Körper kann für den Winter einen Eigenvorrat für grob 100 Tage speichern.

Das Bundesamt für Gesundheit nennt als täglich tolerierbare Obergrenze 100 µg oder 4000 IE, was aber immer noch als unbedenklich gilt. Diese Empfehlung richtet sich allerdings an die Ärzteschaft, da diese Dosierung bereits das fünf- bis siebenfache der SGE-Hinweise bedeutet.

Vitamin D3 und Vitamin D  — die  Unterschiede

Auf den Verkaufspackungen der Supplemente finden sich je nach Hersteller sowohl die Bezeichnungen Vitamin D3 als auch Vitamin D, was aber für den Verbraucher keine Bedeutung hat.

Denn was am Ende wirkt, ist das Vitamin D, das der Körper zunächst aus der besonders gut speicherfähigen Vorstufe Vitamin D3 herstellt. In unserer Haut läuft das übrigens genau gleich ab: Erst produziert die Sonne das D3 und später macht der Stoffwechsel daraus das Vitamin D.

Vitamin D, kombiniert mit weiteren Vitaminen

Die Wirkung von Vitamin D in den von der SGE empfohlenen Dosierungen wird nicht besser, wenn ein Supplement zusätzliche Komponenten wie das Vitamin K2 oder Omega-3-Fettsäuren etc. enthält.

Für die vorsorgliche Verwendung reicht reines Vitamin D aus.  Sonstige Vitamine und Nährstoffe sind ohnehin Teil einer ausgewogenen Ernährung, wie sie beispielsweise die Schweizer Ernährungspyramide vorschlägt.

 

 Fazit zu Vitamin D

  • Vitamin D ist kein Medikament zur Heilung einer Corona-Erkrankung.
  • Das Sonnenvitamin kann aber — zusätzlich zur Kräftigung des Bewegungsapparats (Knochen und Muskeln) — die körpereigene Immunabwehr stärken und so einen günstigen Corona-Infektionsverlauf unterstützen.
  • Neben ausgewogener Kost anhand der Schweizer Ernährungspyramide und regelmäßiger kurzer Aufenthalte in der Sommersonne ergänzen Vitamin-D-Supplemente den Bedarf.
  • Vitamin-D-Produkte sind rezeptfrei erhältlich, beispielsweise als Tropfen oder Tabletten.
  • Altersabhängig empfiehlt die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung zur Bedarfsdeckung eine Tagesdosis von 15 bis 20 µg (Mikrogramm] oder 600 bis 800 IE (Internationale Einheiten).